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Extrem-Minimalismus - lebe ich - und mir geht es gut

Ein Gastbeitrag von Mats Björn Sameslund


Zum Minimalismus kam ich durch einen Urlaub in Berlin. Die Aufgeräumtheit des Hotelzimmers in dem neu gebauten Hotel tat es mir an. Ich genoss die wenigen Möbel, die es dort gab, die klaren Strukturen, die Einrichtung allgemein. Ich hielt mich eine ganze Zeit in Berlin auf und auf einmal drehten sich ganz viele Dinge um mein Leben - ausgelöst durch dieses dusselige Hotelzimmer. Ich fühlte mich sehr befreit dort, wo ich mich gerade befand.

Ich komme aus einer Familie von Staatsbediensteten. Trotzdem hatte ich nie den Eindruck, dass es uns finanziell gut ging. Meine Eltern überschütteten uns zu bestimmten Zeiten (Weihnachten) mit einer Vielzahl von Geschenken. Trotzdem hatte man immer den schalen Eindruck, dass das Geld eigentlich wohl nicht reichte. Das Haus war vollgestopft mit irgendwelchem Kram. Mein Wunsch war es damals schon, sehr früh, möglichst viel Geld zu verdienen. Sorgen um das Finanzielle wollte ich mir nicht machen.

Nach der Ausbildung flogen mir die Jobangebote hinterher. Ich war ein wirkliches Glückskind (und bin es bis heute). Mit Anfang 20 verdiente ich soviel, wie Andere in der Firma nach 45 Arbeitsjahren.

Es begann eine Schleife von Konsum, Geld verdienen, noch mehr Konsum. Ich stopfte mein Leben voll. Mit Reisen, die mich manchmal mehr stressten, als mir gut taten. Kaufte mit Anfang 20 mein 1. Haus, es folgten weitere Häuser und Wohnungen. Ich konsumierte, wann und was ich konnte. Mein Haus mit mehr als 10 Zimmern füllte sich mit Antiquitäten und anderen Dingen. Die dazugehörenden Nebengebäude ebenfalls. Im Rückblick muss ich sagen, dass das wahrscheinlich ein Beweis für mich war: Ich kann das finanziell, ich habe Sicherheit. Trotzdem: es war eine Scheinwelt. Und Sicherheit ist auch nicht alles, wenn du unglücklich bist, sowieso nicht.

Mit Ende 20 spürte ich, obwohl ich alles um mich herum hatte, eine tiefe Leere. Ich wurde bewundert, wie weit ich es gebracht habe und was ich alles schon in diesem Alter hatte. Ich fühlte mich leer. Mit Ende 20 hatte ich dann auch den ersten Burn-Out und das erste Mal Depressionen. Etwas, was ich vorher nie kannte. Zum Denken brachte mich das Ganze nicht - eher das Gegenteil. Noch mehr Projekte, noch mehr Streß, betäuben wo es geht - mit Arbeit. 16 Stunden-Tage keine Seltenheit, eigentlich eher die Regel.

Dann auf einmal von Tempo 210 auf Vollbremsung

Ich war nun also in diesem Hotel. In der Lobby viele junge Menschen. Alle gut gelaunt und sehr entspannt. Entspannt war ich zu der Zeit schon lange nicht mehr gewesen. Mein Leben bestand aus Plänen, To-Do-Listen und stringenter Zielverfolgung. Ich plante gerade noch ein Ferienhaus in Frankreich zu kaufen, also noch eine Immobilie mehr. Noch mehr Verantwortung und damit verbundene Sorgen.

Die Sinnfrage und komischerweise auch gleich die Antworten kamen in diesem Zusammenhang. Warum das alles? Neben dem Job machten mir die Immobilien schon ganz schön Streß. Etwas zu besitzen macht nunmal Sorgen und manchmal kostet es auch richtig Geld (wenn man Mieter hatte, die die Sachen nicht wertschätzen oder Mieter, die einfach die Miete nicht zahlen, weil umsonst einfach besser ist). Ich hatte zu der Zeit einen Projekt-Geschäftspartner, der sich über die Erträge freute und noch mehr, dass er nichts dazu beitragen musste. Er hatte ja mich.

Innerhalb von gut 3 Tagen in Berlin, stellte ich das, was die letzten 10-14 Jahren meine Persönlichkeit dargestellt hat, in Frage.

Ich erinnerte mich an ein Interview mit Karl Lagerfeld, der selbst beschrieb, dass er in Extremen lebt. Ich bin da ähnlich. Wenn ich mich für etwas entschieden habe, dann mit Haut und Haar. Nun stellte ich aber das alte Modell vollständig in Frage.

Ich nahm mir eine Auszeit und informierte meine Kunden darüber. Das war klug, klüger noch war es aber, dass ich sie nicht über die Hintergründe informierte. Schwäche (jedenfalls in den Augen der Kunden) zahlt sich nicht aus. Das habe ich schon früh gelernt.

Noch in Berlin bereitete ich die Verkäufe der Immobilien vor und suchte ein kleines Haus auf dem Land. Ich war zwischendurch sehr verblüfft, was ich gerade tat. Aber auch diese Sache verfolgte ich extrem stringent, wie alles zuvor, was ich anfasste.

Obwohl ich selber hätte die Immobilien verkaufen können, beauftragte ich Makler damit, die ihren Job sehr gut machten. Mit jedem Verkauf wurde ich freier. Ein unbeschreibliches Gefühl. Bei dem einen Haus hatte ich Mieter, die einfach ätzend waren. Ich hatte sie sozusagen mitverkauft. Es war traumhaft.

Beim Verkauf der Antiquitäten merkte ich, wie wenig wert sie mir noch waren. War ich beim Kauf stolz, Möbel aus dem 17. und 18. Jahrhundert vollständig zu kaufen, freute mich nun, dass die Käufer von mir sich daran erfreuten. Ich brauchte das nicht mehr. Ich wollte diesen neuen Lebensweg - konsequent.

In dieser ganzen Phase begleiteten mich Bücher und Blogs zum Thema Minimalismus - ich saugte sie förmlich auf.

Das ganze ist nun 3 Jahre her.

Und wie lebt es sich nach der Vollbremsung?

Prächtig. Ich arbeite täglich zwischen 2-3 Stunden. Ich stehe gerne früh auf, und nutze daher die Zeit von 5-8 Uhr. Danach habe ich freie Zeit und mache Projekte, die mir einfach nur Kraft geben. Da ich mittlerweile auf dem Land lebe, habe ich unglaubliche Möglichkeiten draussen oder im Haus etwas zu gestalten. Ich suche mir das aus, worauf ich Lust habe. Früher hatte ich dazu noch nicht einmal Zeit darüber nachzudenken. Neu habe ich für mich ehrenamtliche Arbeit entdeckt. Es bringt Freude zu helfen und das, was ich beruflich gelernt habe, nun in ehrenamtlichen Initiativen mit einzubringen.

Und mit was komme ich jetzt aus?

Wir brauche alle weniger, als wir denken.

In der Küche habe ich: 1 Glas, 1 Tasse, 1 Teller, 1 mal Besteck, sowie jeweils 1 mal Kochgeschirr (1 Topf + 1 Pfanne) - ich habe mir einen Thermomix geleistet den ich über alles liebe und mit dem ich sowohl kochen, wie auch Smoothies zubereiten kann. Die Kaffeemaschine und der Wasserkocher dürfen nicht fehlen. Ausserdem habe ich zusätzliches Geschirr im Vorratsschrank, wenn einmal Besuch kommt. Das Schöne ist, dass ich durch die 1xGeschirrregel automatisch gezwungen bin, gleich abzuwaschen. Meine Küche sieht immer sauber aus.

Die Lebensmittel habe ich auf das, was ich esse (und ich bin da nicht wählerisch) beschränkt. Alles was ich nicht mindestens 1x die Woche gebraucht habe, habe ich rausgeschmissen. Ich fahre bis heute sehr gut damit.

Auch mein Schlafzimmer ist übersichtlich: Neben dem Bett und einem Schrank für meine Kleidung, sowie einer Lampe ist dort nicht viel zu finden. Ich lebe mit 1 x Bettwäsche und Laken. Wenn es "gewechselt" werden muss,  wasche ich es früh morgens nach dem Aufstehen in der Waschmaschine und hänge es auf, so dass es spätnachmittags wieder trocken ist. Es klappt und macht mich glücklich.

Das Wohnzimmer teilen sich 2 Sofas mit Sessel und Esstisch mit 4 Stühlen. Eine Kommode beherbergt meine Stereoanlage aus Jugendtagen. Da die Boxen wirklich gut sind, mag ich sie nicht nur mein Notebook ersetzen.

Mein Bad beherbergt noch weniger Dinge. Kosmetika jeweils nur 1 Sache (Creme, Zahnseide, Zahnbürste mit Paste, Deocreme,  Duschzeug, Rasierpinsel und Rasierer). Jeweils 1 Handtuch und 1 Badetuch reichen hier genauso, wie bei der Bettwäsche.

Mein Kleiderschrank: 5 T-Shirts, 5 Boxershorts, 5 Paar Socken, 2 Hosen, 2 Sakkos, 5 Hemden. Alles sehr überschaubar.

Im Arbeitszimmer reicht es mit meinem Notebook (iMac) zu arbeiten, 1 Smartphone, 1 Festnetztelefon und ein Multikfunktionsdrucker reichen vollkommen aus. Da ich alles taggleich wegarbeite, brauche ich keine großen Organisationstools.

Meinen Garten habe ich pflegeleicht mit viel Rasen gestaltet. In den Bereich, den ich nicht mähe, habe ich Wege gemäht. Ich freue mich über Sträucher an denen Beeren wachsen. Auch diese Aufgeräumtheit des Gartens, wie des Hauses hat mir eine unglaubliche Ruhe gegeben, die ich als vorher immer rastloser Mensch nie hatte.

Für mich war diese extreme Wende absolut sinnvoll und notwendig. Ich bin glücklich.

Was ich in meinem neuen Leben ebenfalls gemerkt habe: Kaufe ganz wenig, aber dafür sehr hochwertig und schön. Man hat automatisch einfach mehr Freude an schönen Dingen. Da können die ganzen Billigteile nicht mithalten.




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